Irgendwo in Pommern II, Polen

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Im Kommentar zu meinem letzten Blogbeitrag äußerte Elisabeth die Vermutung, dies könnte der abenteuerlichste Teil meiner Reise sein. Vielleicht ja – verrückter Weise, so dicht dran an zu Hause! Es war an keinem Punkt der Reise bisher so schwierig, mich zu verständigen, mich zu verpflegen, Unterkünfte zu finden und voranzukommen wie in den letzten Tagen – letzteres liegt natürlich vor allem an der Art der Fortbewegung, Wandern ist halt kein Fliegen…

Meine bisherige Route: Danzig – Zukowo – Kartzuzy – Leba – Kluki – Rowy – Ustka- Slupsk – Darlowo – Lazy – Koszalin – Kolberg – Mrzezyno.

Marktplatz in Darlowo

Marktplatz in Darlowo

Fliegen zu können wäre auf dieser Wanderung bereits einige Male sehr hilfreich gewesen. Zum Beispiel auf der Strecke von Leba nach Kluki, als der letzte Teil der Tagesetappe durch sumpfiges Gebiet führte. Rechts und links Moor und mittendurch ein schlammiger Weg. Ich dachte noch: ‚Hoffentlich ist der nicht irgendwann überschwemmt.‘ Und natürlich war er das irgendwann – nur einen guten Kilometer vor meinem Ziel. Da stand ich mitten im Nirgendwo, zurück zum nächsten Ort wäre es weit über eine Stunde gewesen, Unterkunft ungewiss. Holz zum Brückenbauen gab es keines, nur eine alte Jacke, die im Dreck lag. Über dem sumpfigen Boden ausgebreitet gab die aber genug Halt für zwei sehr schnelle Schritte auf die andere Seite. Das zweite Hindernis gleicher Art konnte ich mit einem beherzten Sprung überwinden – beinahe schon geflogen… 😉

Wichtiger Hinweis - falschen Anfang des Weges

Wichtiger Hinweis – am falschen Anfang des Weges

Auf der Strecke von Darlowo nach Unieście waren die Schwierigkeiten zwar weniger riskant, aber umso zermürbender. Ich bin extra zeitig los, weil ab mittags Regen angesagt war. Nachdem die ersten zwei Stunden langweilig, kalt und windig auf Landstraßen verliefen, ging es auf einem Waldweg weiter, der an einem Grundstück endete. Dessen Besitzer hatte offensichtlich kein Herz für wandernde Backpacker, ich musste also ein gutes Stück zurück, um auf den Weg hinter seinem Grundstück zu gelangen – die Laune sank. Der erwartete Weg war leider keiner, einzige Möglichkeit weiter zu kommen: über den Strand, vier Kilometer bei Gegenwind mit Gepäck durch weichen Sand. Ich habe mir in dem Moment vorgestellt, Polarforscher zu sein und den Nordpol als Ziel zu haben, so unerreichbar schien der nächste Ort, der am Horizont zu erahnen war.

Einfach nur zum Schreien!

Einfach nur zum Schreien!

Die Aussicht auf Kaffee und Unterkunft in Lazy, und die Tatsache, dass umkehren auch keine Möglichkeit ist, hat mich vorangetrieben. Unglücklicherweise entpuppte sich Lazy wieder mal als touristischer Geisterort – alle Hotels, Pensionen, Geschäfte und Restaurants geschlossen. Und es fing an zu regnen.

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„Laden – 5% Studentenrabatt“ har, har

Einziger Ausweg war in diesem Moment der Bus in die nächste Stadt Koszalin. Der Fahrplan bot gleich den nächsten Tiefschlag – der nächste Bus fuhr in über zwei Stunden. In diesem Moment – durchgefroren, frustriert und hungrig – habe ich beschlossen, den nächsten Zug nach Deutschland zu nehmen, sofern ich jemals in Koszalin ankommen sollte. Was dann folgte, war ein kleines Wunder, das ich noch immer kaum glauben kann: ich sah auf der leeren Straße ein Auto mit Bremer Kennzeichen kommen!!! Ich streckte den Daumen raus, der Wagen hielt an und kurz darauf saß ich im warmen Auto von Hans und Frauke aus dem Viertel, die mich mit nach Koszalin nahmen. Mit der Dankbarkeit kam auch der Mut zurück, weiterzumachen.

Mehr Störche als Menschen ;-)

Mehr Störche als Menschen ;-)

Zurück an der Küste, nur wenige Kilometer westlich von Lazy wechselte die Szenerie gänzlich: lebhafte Ostseeorte und volle Wanderwege dazwischen. Keine Spur mehr von der Einsamkeit der hinter mir liegenden Etappen. Heute ist Pausen- und Luxustag – in einem vollen Urlaubsresort am Strand mit Hallenbad und Sauna, in Polen ist langes Wochende. Bis Heringsdorf auf Usedom sind es noch vier Wandertage. Tschakka, ich komme!

...aber erst morgen! :-)

…aber erst morgen! :-)

Kommentare

  1. Nicht zu fassen… B a s t i. !!! Ich meine Beides, erst die Qual auf dem mehr als unwegsamen Gelände,
    bei dem Wetter! Die herzlose Quartierverweigerung , das tut mir soooo leid ! Aber Du warst extrem tapfer, hast nicht aufgegeben! Bravissimo !!! Und dann die Hilfe und auch noch aus Bremen, Das ist ja fast nicht zu glauben ! Das mußt Du alles noch mal erzählen, m e i n e. G ü t e ! Das wirst Du wohl Dein Leben lang nicht
    vergessen.- Versuch, Deinen Weg weiterzugehen, das Wetter wird langsam besser. Schlaf noch mal drüber und
    Hör auf Deine innere Stimme. Viele gute Wünsche und liebe begleitende Grüße! Deine Elisabeth

  2. Lieber Basti, ich hab Dir eben einen langen Kommentar geschtieben. Er ist gelöscht worden . Ich bin nicht
    Gerade amused!!! Du bist jedenfalls durch eine harte Prüfung gegangen und hast sie tapfer bestanden. Dein
    Guter Stern hat Dir Frauke und Hans aus dem Viertel geschickt… Man kann es nicht fassen. Nun schaffst Du auch noch den Rest! Mit vielen guten begleitenden Wünschen! Deine Elisabeth

  3. Mehr als tapfer-zumal in so menschenleeren gespenstisch wirkenden Orten , oder auf den Schlammwegen: wenn dir etwas passiert wäre -wie oder was auch immer – du hälst das aus! Bravo!!!

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